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Hansen Band Interview

Rückwärts Einparken

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Konzentriert - Fixiert

Eine Marketing Abteilung mit Millionenbudget hätte es auch nicht besser hinbekommen: Ende Oktober startet ein Musikprojekt, besser: ein unpeinliches Musikfilmprojekt, an dem die derzeit kreativsten Köpfe aus der deutschen Film- und Musikszene beteiligt sind. „Keine Lieder über Liebe“ heißt der Film, der in den nächsten Wochen die Programmkinos füllen dürfte. Mit Scharen von jungen Menschen, an deren Jacken Buttons kleben und deren Musikherz am rechten Fleck hängt. Der Grund ist weniger das durchaus ehrgeizige Filmprojekt, als vielmehr die Hansen Band selbst, ohne die laut Jürgen Vogel der ganze Film nie hätte entstehen können. Dahinter stecken zwei deutsche Songschreiber- Koryphäen: Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch. Die Tomte und Kettcar Masterminds, zum ersten mal vereint in einer Band. Der Hansen Band. Zusammen mit Max Schröder (Olli Schulz’ Weggefährte Marie und Gitarre/Keyboard-Alleskönner bei Tomte), Felix Gebhard (Home of the Lame) und Jürgen Vogel als Sänger wurde mal eben eine Band und ein Album aus dem Boden gestampft, als wüchsen im Grand Hotel die musikalischen Ideen wie Äpfel auf Bäumen.

 

Das ehrgeizige Hansen-Projekt zeigt auch, mit welcher radikalen Hingabe die daran beteiligten Menschen sich ihrer Leidenschaft widmen. Ein lächerlich kleines Budget für einen Kinofilm, die waghalsige Idee, einen Film „passieren“ zu lassen und nachher alles zusammenzuschneiden sowie ein musikalisches Projekt, das mit dem Film thematisch so verwoben ist, dass sogar der Hauptdarsteller singen „muss“. Ein Wagnis also, das sich noch beweisen muss. „Wir hatten halt schon etwas Angst, weil so was leicht in die Hose gehen kann.“, erzählt Thees Uhlmann am Telephon. „Wenn der Film scheiße, quatschig und dämlich geworden wäre, wie es halt 90% aller Musikfilme sind, dann würden Leute wie du sagen: „Ah, jetzt wollten die nen Film machen, das hat ja mal richtig nicht geklappt!“ Aber letztendlich ist er ja toll geworden, wie ich finde. Und ich weiß auch, dass es mir in fünf bis zehn Jahren nicht peinlich sein wird, da mitgemacht zu haben!“

 

Thees wirkt gelassen. Die Produktion des neuen Tomte Albums wurde gerade abgeschlossen, das Hansen-Projekt wurde überall in der Presse gefeiert, das Grand Hotel spuckt einen Erfolg nach dem anderen aus und auch privat läuft in der neuen Heimat Berlin scheinbar alles nach Plan. „Ein Drei-Komponenten-Teller, von dem ich gerade esse.“, sagt er und fügt an: „Da sind die Grenzen einfach am verschwimmen. Ich bin halt viel am herumspringen, hab jetzt gestern zum ersten mal die Streicher auf der neuen Tomte-Platte gehört, das ist schon ein heiliger Moment. Und wenn ich dann höre, wie Tomte bei einigen Sachen sich mit Streichern anhören oder Thees Uhlmann im Duett mit einer Sängerin (nicht so Robbie Williams / Nicole Kidman mäßig natürlich), da geht mir ehrlich gesagt schon einer ab!“

 

Abgegangen sein dürfte ihm auch einer beim Anblick des „Grand Hotel van Cleef“ Logos im „Keine Lieder über Liebe“ Trailer zur Prime-Time im deutschen Fernsehen: „Wetten dass“

 „Im Trailer meine Fresse und das Logo meines Labels gesehen zu haben, das ist schon was! Was mir aber wirklich ein wenig was bedeutet ist der NDR-Talkshowauftritt. Das hab ich als Kind auf den Knien meines Vater geguckt. Es hört sich zwar blöd an: aber das ist einer dieser Momente, auf die ich mich sehr freue. Weil ich noch genau weiß wie es war, das als Kind oder Jugendlicher gesehen zu haben.“ Die Promotion ist nicht zuletzt deshalb so umfangreich, weil man mit Jürgen Vogel und Heike Makatsch eben den Starbonus hat, den so ein budgetarmes Projekt wie „Keine Lieder über Liebe“ auch braucht.

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Wann gibt es denn Hansen-Bettwäsche?

Thees Uhlmann: Gar nicht. So groß ist die Promotionwelle ja nun auch nicht. Die Leute interessieren sich eben für das Projekt. „Wetten dass ...“ muss Jürgen Vogel nicht einladen. Aber sie haben es getan. Genauso interessieren sich die Musikmagazine. Ich hab da bis jetzt noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Wobei man noch sagen muss, dass wir die richtige Promo-Peitsche, die für einen Kinofilm so üblich ist, gar nicht ausgepackt haben. Ein RTL-Exklusiv wird es nicht geben. Das ist aber eine ganz bewusste Entscheidung. Da wollten wir die Schönheit der ganzen Sache nicht gefährden. Und klar, wenn man mit nem Ferrari durch die Gegend fährt, schauen sich alle um. Das ist aber nicht unser Stil. Wir fahren eher so die Lehrer-Psychologen Volvos, damit die Leute sich freuen, wie schön wir rückwärts einparken können!

 

Wie groß war denn überhaupt das Budget für den Film?

Das Budget betrug ungefähr 500.000 Euro, was für nen Kinofilm natürlich richtig klein ist. Das sind in Relation zu den großen Filmen in etwas das Budget, was wir beim Grand Hotel für die kleinste Platte ausgeben würden. Außerdem muss ich dazusagen, dass der Lars Kraume schon genauso tickt wie wir auch. Er glaubt bedingungslos an die Sache, die er da macht. Deswegen sind ein geringes Budget dann auch kein Problem. Und er hat genügend fuchsige Ideen, die ihn zum Regisseur-Künstler werden lassen!

 

Warum musste der Hauptdarsteller singen? Ich will nicht unterstellen, dass Jürgen Vogel das nicht kann, aber das Klischee des Sängers in einer Band, der immer im Mittelpunkt steht, wird wiedereinmal erneuert ...

Das gehört halt zur Geschichte, dass Jürgen Vogel singt. Ich hätte zwar auch singen können, aber ich hatte eben keinen Bock darauf, mich mit Heike Makatsch über meine Sicht auf Beziehungen vor laufender Kamera zu unterhalten. Außerdem singt Jürgen Vogel toll, und es ist toll mit ihm in einer Band zu spielen. Außerdem konnte ich mich zum ersten mal in meinem Leben darauf konzentrieren, einfach nur Gitarre zu spielen.

 

Ein unterhaltsamer Zeitvertreib ist es, die einzelnen Hansen-Songs nach ihrem Songschreiber zu ordnen. Man merkt deutlich, welche Songs aus deiner oder Marcus Feder geflossen sind...

(lacht) Ich kann halt auch nur das was ich kann! Ich wusste schon, dass sie sich etwas anders anhören mussten. Aber alles andere ist meine musikalische Beschränktheit. Außerdem ist das sowas von geil mit Marcus Wiebusch auf einer Bühne zu stehen. Und die Songs sind ganz in der Tradition des Grand Hotels entstanden: erst Bettkante-Akustik-Version, dann Proberaum-Ja-Wie-Äh-Machmal-So!

 

 

Das romantische Bild, das ich vor Augen habe, wie Thees und Marcus in einem Zimmer auf dem Boden sitzen und zusammen Texte und Musik schreiben, hat es also nicht gegeben?

Ne, aber das romantische Bild dass Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch zusammen im Proberaum stehen und Marcus sagt: „Dann mach ich das so.“ Und ich sag: „Nee, das find ich aber scheisse!“ Natürlich hört man die Unterschiede in den Songs. Marcus zum Beispiel schlägt die Gitarre immer so Ramones-mäßig von oben an und ich eher so Travis-Lagerfeuer-mäßig.

 

Hattest du keine Ambitionen, mit Hansen Band mal musikalisches Neuland zu betreten?

Die Chance, fernab von Tomte, wäre schon da gewesen, oder?

Also wenn ich musikalisches Neuland betreten würde, dann mit Tomte. Dass wir vielleicht irgendwann sagen: wir haben den dreieinhalb Minuten langen, emotionalen Rocksong jetzt ausgereizt. Aber Jürgen Vogel und Co. haben uns ja gerade deswegen ausgewählt. Wegen der Musik, die wir nun mal machen. Das war eben genau die Musik, die Markus Hansen macht. Genau so sollten die Texte sein, die Markus Hansen macht. Deswegen war das auch der falsche Ort, sich musikalisch auszutoben. Wenn ich mich musikalisch verändern wollte, dann mit Tomte, weil das eine persönliche Sache ist, an der ich bastle seit ich 16 bin. Den Stellenwert hat Hansen Band einfach nicht.

 

Zeitdruck und thematische Vorgaben sind für Musiker ja irgendwie der Tod. Wie hat es sich da mit Hansen Band verhalten?

Lustigerweise war es für mich einfacher einen Hansen Song als einen Tomte Song zu schreiben, weil ich bei Tomte wirklich mit allem reingehe, was ich hab und was ich bin. Bei Hansen war es wirklich auch Intension, ein wenig die Biographie von Markus Hansen niederzuschreiben. Das ist so, als wenn Marcus Wiebusch mir sagt, ich soll was über Maritime im Newsletter schreiben, der Sänger war beim Fußball. Da kann ich dann eine ganze Seite drüber schreiben. Aber wenn mich jemand fragt: Thees, was hast du heute gemacht? Da fällt mir das schon schwerer. Bei Hansen waren also schon Vorgaben, aber beschnitten habe ich mich nicht gefühlt.

 

Trotzdem ähneln sich Hansen Band und Tomte thematisch schon. Das große Thema Alltagsbewältigung ...

Sie ähneln sich thematisch schon ein bisschen, aber ich glaube Markus Hansen ist ein wenig dümmer als Thees Uhlmann. Und Markus Hansen hat in der letzten Zeit auch nicht so ein schönes Leben gehabt wie Thees Uhlmann. Mir geht’s gut, auf allen Ebenen, und Markus Hansen eben nicht. Aber ähnlich sind sie sich schon. Wenn die sich in einer Kneipe begegnen würden, würden sie sich gut verstehen.

 

Mich erinnert Jürgen Vogels Gesang stark an deine Art des Gesangs. Hat er mehr Tomte als Kettcar gehört?

Das glaube ich nicht, ehrlich gesagt. Ich glaube er ist mehr Kettcar als Tomte Fan. Da muss ich mal Marcus fragen, ob er das auch meint. Wir haben alle paar Wochen unsere emotionalen Power-Anrufe, in denen wir uns gegenseitig erzählen, wie geil wir die Band des jeweils anderen finden. Und neulich meinte er zu mir: „Ey, Thees, weißt du eigentlich, warum Tomte so geil sind? Weil du einer der wenigen bist, die es schaffen, dass die deutsche Sprache nach Rock’n Roll klingt!“ Ich betone halt so komisch: Schreeeebääääärgaaaarteeeeeen. (lacht)

 

Wie war das, als ihr das erste mal als Hansen Band auf der Bühne standet?

Der erste Auftritt war damals in Hannover. Jürgen Vogel hatte die ganze Zeit hinter der Bühne gesessen. Erstens, weil er total aufgeregt war und zweitens, weil wir schon den Überraschungseffekt haben wollten. Und als wir angefangen hatten das erste Lied zu spielen konnte man schon die Reaktionen des Publikums sehen, wie sie anfingen zu grinsen und in ihre Handys tippten: „Ey, hier stehen gerade Jürgen Vogel, Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch zusammen auf der Bühne! Und du Idiot guckst Champions League!“

 

War es nicht ein wenig deprimierend, wieder nur vor einer Handvoll Menschen zu spielen, so wie ihr früher mit Tomte oder Kettcar ?

Ne, deprimierend fand ich das nicht. Ich wusste ja, dass ich da wieder rauskomme. Aber ein wenig Zeitreise war das schon. Das lag auch am Konzept. Wir haben uns gesagt: komm, lass uns nen Grand Hotel van Cleef Abend ausschreiben in Wilhelmshaven. Da gibt es halt ganz wenige, die das Grand Hotel überhaupt kennen. Dementsprechend wenige waren dann auch da. Irgendwann kam der Regisseur auch mal an und meinte: ihr habt gerade so geil gespielt, und wisst ihr, was die alte da vorne gemacht hat? Die hat die ganze Zeit SMS geschrieben. Aber das war okay, das waren die Reaktionen, die wir uns ein bisschen erhofft hatten. Denn wenn du jemanden Geld in die Hand drückst und sagst: sieh dir mal das Konzert an, dann wird er das immer toll finden, aus Verpflichtung dem Geld gegenüber. Aber wenn du sechs bis sieben Euro Eintritt für einen Grand Hotel van Cleef Abend verlangst, von dem die Leute keine Erwartungen haben, dann kommen die realistischen Reaktionen.

 

Du und Marcus, ihr habt eine jahrelange Erfahrung was Songwriting oder das Live-Spielen angeht. In „Keine Lieder über Liebe“ seit ihr allerdings eine Newcomer Band. Ich kenne keine Newcomer Band, die so fantastisch live spielt und ein astreines Album aufnimmt.

Ja, der Widerspruch ist schon da. Aber es gibt einen ganzen witzigen Link im Film, wo erzählt wird, das Markus Hansen früher mal ne Punkband hatte. Da hat man sich quasi nach allen Seiten abgesichert. Es ist quasi so, dass Markus Hansen schon mal aufgehört hatte, Musik zu machen, und dass die Hansen Band der letzte Versuch ist, richtig Musik zu machen.

 

Haben die vielen Kameras genervt?

Ach, das gute war, dass das alles eigentlich nur Musikfernsehen-ichnehmmalschnellwasauf-Digi-beta-Kameras waren. Deshalb war das alles ziemlich schnell gegessen.

 

Wird es schicke Premieren mit rotem Teppich und allem geben?

Die große Premiere war ja schon auf der Berlinale. Da bin ich schön mit meiner Mutter über den roten Teppich geschlendert. Auf der After-Show-Party war sie auch noch. Sie hat sich extrem gut gehalten. In Berlin und Hamburg werden zur eigentlichen Premiere Ende des Monats noch zwei sein. Und dann fängt er an zu laufen. In den Kinos, die die Filmszene gewöhnlich „Art-House-Kinos“ nennt. In Hamburg sind das halt das „Abaton“ und das „Zeiss“.

 

Sämtliche GHvC-Fans werden sich den unter Garantie ansehen ....

Ich denke auch, dass die den sehen werden. Hoffe ich. Denn es gibt auch viele Szenen, in denen die Essenz der Beziehung Wiebusch / Uhlmann gezeigt wird, und das ist schon ganz spannend.

 

Und wie soll es mit Hansen Band weitergehen?

Wir gehen im Dezember noch mal auf kurze Tour. Und dann schlägt Tomte ja wieder in mein Leben und da muss man einfach sehen, wie sich das dann regeln lässt. Wir wollen das Projekt so unschuldig halten wie möglich. Und das geht eben nicht, wenn man vorhätte, die Geldkuh so lange zu melken, bis sie leer ist.

 

Zum Abschluss: Tomte haben zwar ein Blog, so richtig viel erfährt man aber zum neuen Album nicht!

Ja, das ist ja Sinn der Sache, dass man noch nix erfährt. Ne, ich werde in den nächsten Tagen mal was online stellen. Und dann geht’s ja auch schon mit riesigen Schritten auf Januar und Veröffentlichung zu. Gemixt und Gemastert ist bis auf einen Song schon alles.

 

Dann kommt unbedingt mal wieder nach Nürnberg!

Ja, Nürnberg, Hirsch und so. Wir sagen einfach mal so Ende Februar, Anfang März!

 

Gebonkt?

Gebonkt!

Interview + Text: Robert Heldner


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