Wegweiser durch sellfish.de

independent online music  |  info@sellfish.de

Stars Interview

Liebe, Sex und Tod

Stars3.JPG

North Hatley ist sowas wie der Schwarzwald unter den kanadischen Vorstadtgegenden. Überall Bäume, Hügelchen, Wälder, Einsamkeit. Und das alles nur eine Autostunde von Montreal entfernt. Das sind die Gegenden, in denen sich Sonntagnachmittag die Jäger zum Fellabziehen treffen und in kleinen Pubs zum Baseball Bier getrunken und auf kanadische, etwas urige Art und Weise gescherzt und gelacht wird. Ganz sympathisch also. Genauso wie die „Stars.

Dabei sind die Stars gar keine echten Kanadier. Zumindest Torquil Campbell, Sänger, und Chris Seligman, Keyboarder, nicht. Sie wandern aus, als das Debüt erscheint. Quasi im Vorbeiziehen, von den USA nach Kanada, schnappen sie Amy Millan auf, sie wird Sängerin. Und mit ihr wächst die Band schließlich zu einer ansehnlichen Meute zusammen, deren Musik bis zum gegenwärtigen, dritten Album „Set yourself on fire“ eine Raffinesse und einen Glanz entwickelt, deren sich Menschen mit echten Herzen und wirklichem Blut in den Venen nicht entziehen können.

„Set yourself on fire“ ist der gegenwärtige Höhepunkt, das Nonplusultra. Besser werden, das dürfte schwierig werden. Und sowieso, das dritte Album ist ja immer das wichtigste. Darauf angesprochen winkt Amy Millan ab. „Ach was, ich glaube immer das nächste ist das wichtigste Album.“ Bescheidenheit tut momentan allerdings nicht Not, wobei es natürlich dem Ruf auch nicht schadet. Die Presse feiert das Album, als wäre es eine echte Überraschung, dass da aus Kanada ein Hitalbum nach dem anderen quillt. Das große Musikerkollektiv, die Verzahnung unter den Bands, das ist trotzdem selten und stellt die Frage auf, ob es denn nun ein nationales Phänomen ist (Ist es nicht, Saddle Creek ist der beste Beweis). „Es gibt einige Bands, mit denen ich sehr verbunden bin. Allen voran natürlich Broken Social Scene und auch mit The Dears. Es gibt diese Verbundenheit, wie das bei allen Menschen in ihren Nationen ist.“

Trotzdem tut Abstand gut. Deswegen zogen sich die Stars zum Albumentwurf auch auf Land zurück. Eben in jenes North Hatley, mit seinen Hügelchen und Flüssen ...

Ist es wirklich so schön da, wie es einem die Prospekte weismachen wollen?
Ja, es ist wunderschön. Ungefähr eine Stunde von Montreal entfernt. Wir waren im Winter da. Bei fünfhundert Menschen und einem Pub ist natürlich nicht viel los. Aber die ganzen schneebedeckten Hügelchen schaffen eine unglaublich friedliche Atmosphäre.

War das eine Flucht vor den Wirrungen und der Hektik der Stadt?

Es war eher eine Fokussierung als eine Flucht. Denn eigentlich wollte ich von North Hatley ziemlich schnell wieder flüchten. Wir wollten alles beisammen halten, uns fokussieren. Das ging in dieser Atmosphäre, eingepfercht in ein Haus, ganz gut. Denn wir müssen ja irgendwie unseren Lebensunterhalt bestreiten und können nicht Monate mit den Aufnahmen verbringen. In Montreal wäre das wahrscheinlich passiert, weil man sich da unglaublich gut ablenken kann. Da sind deine Freunde, wunderbare Bands, und ehe du dich versiehst hast du die Nacht durchgefeiert und nichts an deinem Album getan. Es war uns also wichtig, die Köpfe zusammen zu stecken und das Album fertig zu stellen.

Wäre das Album das gleiche geworden, wenn es in Montreal entstanden wäre?
Das kann man ganz schwer beantworten. Wenn ich in Deutschland geboren wäre, wäre ich dann die selbe Person? Das ist nun mal eine dieser universellen Fragen, die wir erst beantworten können, wenn wir Zeitmaschinen haben. (lacht)

Kannst du dich daran erinnern, mit welchem Gefühl du da wieder ins Studio gegangen bist?
Ich liebe Aufnahmen zu einem Album sehr, weil es dann endlich richtig losgeht. Das Songwriting an sich ist für mich extrem anstrengend. Als wir ins Studio gingen, war ich sehr aufgeregt. Da entsteht immer eine Atmosphäre, von der man weiß, dass sie unglaublich viel hervorbringen kann. Es ist etwas sehr eigenes, das man ganz schwer in Worte fassen kann. Wenn man so lange gemeinsam Musik macht, dann gibt so etwas wie blindes Verständnis, eine Einigung unter den Bandmitgliedern.

Das Album ist rund und perfekt. Das klingt fast gelassen und so, als ob ihr genau wüsstet, was ihr da tut!
Oh Gott, wir wissen nie, was wir da genau tun! Da hast du eine komplett falsche Vorstellung von uns! (lacht) Aber gibt schon eine gewisse Ordnung in all dem Chaos. Wir sind große Romantiker mit gebrochenen Herzen. Deshalb werden wir wohl immer Musik über Liebe, Sex und Tod machen.

Wie seit ihr zu diesem Studio gekommen? Welche Rolle spielte da ein gewisser Alan Nickles?
Wir haben Alan Nickles in einem Pub getroffen. Er saß da so mit seinem Baseballcap herum, sah niedlich aus und beobachtete das Baseballspiel im Fernsehen. Wir müssen wohl etwas rumpelig gewesen sein, jedenfalls merkten alle sofort, dass wir nicht aus dem Ort kamen, was bei 500 Einwohner auch nicht so schwer ist. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte, dass er Musiker und Songwriter ist und dass er ein Studio im Keller seines Hauses aufbaut. Und das war einer dieser Zufälle, die einem das Herz höher schlagen lassen. Er hat uns dann dort unser Album aufnehmen lassen. Und ich denke, wir haben uns ganz gut benommen. Kaputt ist jedenfalls nichts gegangen!

Es soll ganz schön gekriselt haben während der Aufnahmen ...
Ach, das ist wie bei einer Schwangerschaft. Oder besser: wie bei einer Geburt. Die ist schmerzvoll, die Frau sagt danach, dass sie das nicht noch mal durchmachen will. Aber die meisten machen es doch wieder. Die ganzen Probleme und kleinen Grabenkämpfe, die wären der Aufnahmen passiert sind, an die erinnere ich mich kaum noch! Letzten Endes hatten wir tolle Dinner-Partys und haben Unmengen Wein getrunken.

Gab es einen Punkt, an dem du dich eingesperrt gefühlt hast?
Es war kalt und man konnte hinter den dünnen Wänden eine Menge hören. Auf der einen Seite bin ich ein Mensch, der seinen Freiraum braucht, auf der anderen kann ich ohne meine Freunde, meine Bandmitglieder, nicht existieren. Es gibt also immer diesen Kampf der Gefühle. Da fühlt man sich, besonders im Winter, natürlich ziemlich verloren manchmal, eingepfercht in einem kleinen Haus mit sechs Musikern. Das ist manchmal das gleiche wie beim Touren, da hockt man im Tourbus auch aufeinander.

Ist dieses Gefühl das gleiche wie auf Tour?
Nein, auf Tour trifft man so viele Menschen. Unterschiedliche Menschen, auch viele, die einem einfach nur helfen. Sie verkaufen deine Platte, sie machen dich in der Öffentlichkeit bekannt oder sind einfach nur da und wunderbare Zuhörer. Und ein nicht ganz unwesentlicher Punkt ist: die Band spielt zusammen Konzerte. Zusammen! Im Studio ist das meistens nicht der Fall. Da gehst du rein und nimmst deinen Teil auf, und das war es dann. Auf Tour fühlt man sich sehr lebendig.

An welchem Punkt wusstest du, dass ihr ein großes Album gemacht habt?
Bei Alben ist das komisch, das ist wie beim Film. Einen wirklichen Schlusspunkt gibt es nicht. Klar, man denkt sich: yeah, die Aufnahmen sind abgeschlossen. Dann denkt man sich: yeah, das Mixen ist zuende. Und dann: toll, das Mastering ist fertig. Und das ist dann der Moment wo du denkst, dass du dir diese Platte nie wieder im Leben wirst anhören können. Und gerade für mich ist das sehr anstrengend. Ich bin eine unglaublich ungeduldige Person. Und wenn du erst mal alles abgeschlossen hast, bis hin zum Artwork, bist du erschöpft. Da passt der Vergleich wieder, den ich vorhin schon erwähnt habe: wie nach einer Geburt ist man erschöpft. Da will man sich einfach nur noch irgendwo hinlegen. Irgendwohin, wo es schön ruhig ist.

Hast du das Album vor der Veröffentlichung dir nahestehenden Menschen gezeigt?
Klar, das ist die größte Freude! Sobald es die Presse erreicht, ist mir das schon weitestgehend egal. Hauptsache meine Mutter mag die Platte. Der Moment, wo man die Platte Freunden und Verwandten zeigt, ist nervenzerfetzend und glänzend schön zugleich. Vor allem wenn man sie sich fragen hört: woah, war die Textzeile da gerade über mich?

Interview + Text: Robert Heldner


ERROR!