Wegweiser durch sellfish.de

independent online music  |  info@sellfish.de

Fink Interview

Von Finkmusik und kalten Hühnern

fink.jpg

Wer es immernoch schafft, im Zusammenhang mit Fink unsägliche Country-Vergleiche herzustellen, hat sie wohl eindeutig noch nicht Live gesehen. Im Nürnberger Hirsch liefern sie ein Konzert ab, das so ziemlich alle Bandbreiten an Emotionen bietet, die man sich als Konzertbesucher wünschen kann: von groovigen, tanzlastigen Stücken wie „Doppelhopp“ bis zu unglaublich berührenden Stücken wie „Kaltes Huhn“. Und ja, es kann einem schon etwas bange werden, wenn die Anzahl der Stücke wie eben jenes „Kaltes Huhn“ mit jedem Album schrumpft. Aber Fink wären nicht Fink, wenn es keine Alternative gebe. Und die heißt tanzen. Mit Unterstützung von zwei Missouri-Mitgliedern sind Nils Koppruch und Andreas Voss zurzeit unterwegs durch Deutschland. Und bringen den Beat aus „Bam Bam Bam“, ihrem neuesten Album, auf die Bühne.

„Bam Bam Bam“ ist bereits euer sechstes Album. Keine Angst vor Automatismus?
Andreas Voss
: Wir haben es bis jetzt immer bewusst so gemacht, dass wir Variationen geschaffen haben in der Musik. Zwar gibt es jetzt wieder Bezüge zu vorherigen Alben, meinetwegen auch zu dem ersten Album, aber es ist doch schon wieder extrem anders. Weil wir viel mehr Wert auf den Rhythmus und den Groove gelegt haben. Das war auch eine bewusste Entscheidung.

Und wie kommt so eine Entscheidung zustande?
Nils Koppruch
: Damit eben kein Automatismus entsteht. (lacht)

Voss.: Wir sind ja auch nicht die Stones, die sich daran aufgeilen, sechzig Jahre das Gleiche zu machen. Das Gegenteil ist ja gerade interessant. Natürlich auch nicht Veränderung nur um der Veränderung wegen. Zufällig ist es eben so, dass wir gern neue Sachen ausprobieren, dann kann man nicht einfach stehen bleiben.

Koppruch.: Liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass wir nie einen wirklichen Masterplan hatten von dem was wir machen wollen. Wir haben nicht nach dem gesucht, was uns als Künstler eins zu eins wiedergibt, um dann dabei zu bleiben, sondern es war immer ein rumforschen und neugierig bleiben. Zudem kommt hinzu, dass die Produktionsbedingungen immer extrem unterschiedlich waren. Von der ersten Platte in so einem Kellerloch mit einem Mikrofon auf nehmen und drumrum sitzen, bis, als extremes Beispiel, „Haiku Ambulanz“, wo wir uns viel mit dem Rechner beschäftigt haben. Außerdem ist Fink ein Konglomerat gewesen, dass sich personell immer wieder verändert hat, in Bewegung geblieben ist. So ein Automatismus hat da nie stattgefunden. Wäre vielleicht möglich gewesen nach der „Roten“, wenn nicht bei der „Haiku Ambulanz“ Bandmitglieder weggegangen wären.

Also wurden die Missouri-Leute bewußt rekrutiert?
Voss.: Das hört sich jetzt so an, als hätten wir den Musikerkatalog durchblättert und uns zwei Leute bestellt. Das ist einfach aus freundschaftlichen Beziehungen entstanden. Das geht dann ja auch fließend ineinander über. Es heisst dann nicht: so, seit ihr jetzt dabei oder was? Jetzt seit ihr Fink! Sondern man spielt dann mal im Übungsraum und da kommt dann zwangsläufig die Frage auf, ob sie nicht mehr Lust hätten mitzumachen oder auf Tour zu gehen.

Gabs dann vielleicht einen Punkt, an dem man gesagt hat: ne stop, hier ist zu viel Missouri drinn?
Koppruch.: Ne, gar nicht. Es ist Red und Olli bewußt, dass sie da bei einer Band mitspielen, die eine längere Geschichte hat und nicht einfach so neu erfunden wird. Das ist ja auch ein Grund, warum es schon eine lange Beziehung zu Missouri gegeben hat.

Wurden die Melodien dem Groove geopfert?
Koppruch.: Das wird künstlich hochstilisiert, glaube ich. Wurde viel geschrieben, dass weniger Melodien sind, aber ich glaube es hat letztlich mit einer Unfähigkeit zu Artikulation dessen zu tun, was die Veränderung betrifft. Also ich seh das nicht, dass da weniger Melodien drauf sind. Was ich mir vorstellen kann, was aber auch sehr gewollt war, im Vergleich zu den ersten drei Platten, dass wir noch einen anderen Aspekt außer dem Singer/Songwriter-orientierten Arbeiten machen wollten. Wir sind facettenreiche Persönlichkeiten mit vielen Interessen, und dann darf man sich nicht auf das beschränken, was die Leute vielleicht hören wollen. Es gab von mir zum Beispiel immer Interesse, so eine Tanzmusik in 50er Jahre Tradition zu erfinden. Und Andreas Interesse ist immer mehr gewesen, elektronische Sachen und Arrangements einfließen zu lassen.

Voss.: Außerdem glaube ich, dass Fink ja nun nicht unbedingt das Paradebeispiel dafür sind, dass wundervolle Melodieführungen ausgearbeitet wurden...

Koppruch.: ...naja, das weißt du ja gar nicht...

Voss.: Die ersten Platten kamen ja schon aus so einer Singer/Songwrtiter Tradition heraus, mehr so in Richtung Talking Blues. Kylie Minogue oder Juli/Silbermond, das ist eine ganz andere Baustelle, da geht es wirklich um Melodien. Ich glaube also, dass bei Fink nicht die Melodien weniger geworden sind, sondern der Groove mehr geworden ist.

Auffällig ist, dass ihr auf jedem Album mindestens einen Single-tauglichen Song habt, obwohl sich Fink ja generell außerhalb dieses Kontextes bewegen...
Koppruch.: Dann rufen wir dich als Berater in Zukunft an. Wir haben immer das Problem, dass wir sagen müssen: wir können das nicht entscheiden. Und wenn man dann die Plattenfirma fragt, die sagen: naja, als Single eignet sich eigentlich nix weiter. Letztendlich haben wir ja doch eine Single für Bam Bam Bam gemacht, nämlich Eismann. Verkaufen tun wir die jetzt nicht extra, aber als Radio-Promo geben wir sie raus. Und da es uns ja eh nicht um Hooklines geht, haben wir eben das skurrilste genommen

Voss.: Das ist eben immer so eine Sache. Fink gehen nicht in eine bestimmte Richung.

Wird im Hause Fink die Ettikettierbarkeit „Country“ bewußt vermieden?
Koppruch.: Wir haben nie versucht das künstlich zu vermeiden. Bei Beck hat auch keiner geschrieben, „Sea change“ wäre ein Country-Album. Wir verstehen uns nicht als Country-Musiker. Wir spielen zwar mit bestimmten Elementen, aber mit dieser Etikettierung fühlen wir uns absoult nicht wohl. Außerdem löst Country ja eine Assoziation aus, die ich auch habe, die nicht angenehm ist. Ich würde auch zu keinem Konzert gehen, das mit den Schlagworten „Country mit deutschen Texten“ angekündigt wird.

Welches Etikett würdet ihr euch denn aufdrücken?
Koppruch.: Fink-Musik! Es ist ja nicht so, dass wir nicht gern ein Etikett hätten, aber alle Künstler, die ich kenne und mag, die entziehen sich auch immer wieder diesen Kriterien. Brauchen das offensichtlich auch nicht so sehr wie eine deutsche Band. Und dieser Country-Quatsch steht unserer Musik und den Leuten, die wir vielleicht erreichen könnten, sehr im Weg.

Unterhaltungsmusik? Könntet ihr?
Koppruch.: Wir machen ja letzten endes Unterhaltungmusik.

Aber Unterhaltung erreicht ja auch ein Publikum einfacher, je klarer die Textaussagen sind...
Koppruch.: Aber da gibt’s schon das Bedürfnis, nicht irgendeine Scheinwelt zu verkaufen. Gerade in der momentanen Pop-Welt, gerade der deutschsprachigen, habe ich das Gefühl, es werden nur noch Durchhalteparolen gesungen. Eigentlich erlebe ich die Welt als extrem schwierig gerade, und kulturell auch als extrem ärmlich. Vieles, was heute im Radio läuft, ist nichts anderes, als was man früher widerspruchslos Schlager genannt hat. No Angels zum Beispiel sind in meinen Augen die Kessler-Zwillinge. „Kein schönes Lied“ zum Beispiel ist ja auch ironisch. Die Idee war, all das hineinzupacken, was man so braucht, um kommerziell zu sein.

Was verhindert das Abrutschen ins reine Unterhalten?
Koppruch.: Nun, in erster Linie wollen wir Musik machen, die uns selber unterhält. Lupenreine Unterhaltungsmusik zu machen, die sich gut verkauft, das wäre kein Job für mich. Wir haben zwar schon mal überlegt, mit renommierten, großen Produzenten zusammen zu arbeiten, aber die würden uns nicht mal mit der Kneifzange anfassen, mit der Begründung, das sei kommerziell nicht verwertbar. Man traut uns und unserer Musik nicht zu, wirklich kommerziell erfolgreich zu sein, und das verhindert letzten ende, dass es auch wirklich kommerziell erfolgreich wird.

Der Rolling Stone hat zu „Bam Bam Bam“ geschrieben: „Fink finden neue Freunde und lassen alte zurück...“ Habt ihr davon etwas spüren können?
Voss.: Eigentlich nicht. Nur marginal. Vielleicht einen Gästebucheintrag unter hunderten, wo ein Typ sagt „oh, jetzt habt ihr mich aber verloren...“. Oder gestern in München kam einer an und sagte: „Keine Kritik, keine Kritik, tolles neues Album und tolles Konzert, aber ihr solltet mehr akustisch spielen!“ Die Kritik war dadurch natürlich klar wie Kloßbrühe.

Koppruch.: Wie im normalen Leben: über einen langen Zeitraum triffst du Leute und verabschiedest dich wieder von ihnen. Das ist für mich als Musikfan ja auch so...

Interview + Text: Robert Heldner


ERROR!