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Rakes, The Interview

 

Im Rinnstein

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Der Rinnstein soll es sein. Ja, diese Metapher passt ganz hervorragend auf die Rakes. Und Metaphern braucht man schließlich immer, um dem Musikhörer zu vermitteln, auf was er sich da eventuell einläßt. Den Rinnstein selbst kennen die Rakes bestimmt aus unzähligen durchzechten Nächten, nach denen sie wild pöbeln aus irgendwelchen Londoner Pubs und Clubs geflogen sind. So jedenfalls klingt ihr Debüt „Capture/Release“. Nach Rinnstein. Und einer neuen Form von Punkattitüde; einer romantisierten, mit Pop-Appeal versehen Punkattitüde.

Die Band führt konsequent das weiter, was die Libertines vor wenigen Jahren wieder eingeführt haben: die Lasterhaftigkeit des Rock’n Roll, weit entfernt von Stadion-Rock und Nu-Metal. Musik konnte wieder soetwas wie abgestandene, biergeschwängerte, gefährliche Luft schnuppern. Und mit Licht- und Schattengestalten wie Pete Doherty dem Ruf des Rock’n Roll eine (wenn auch zweifelhafte) Glaubwürdigkeit zurückgeben, die nun einmal diesem Musikgenre anhaftet. Und schon immer anhaftete. Denn als der Rock’n Roll geboren wurde, kam er vor allem aus den schmutzigen Großstädten und spielte sich auch genau da ab. Heute, nach den Libertines, gibt es eine kleine Wiedergeburt, die die Rakes zwar nicht einläuten, aber zumindest glaubwürdig in Albumformat pressen.

Matthew Swinnerton, Gitarrist der Rakes, sowie Lasse Petersen, Schlagzeuger, gesellen sich an den Tisch mit einer gewissen euphorischen Grundstimmung. Es sind die ersten Interviews auf dem Festland, von Verschleiß noch keine Spur und mit jede Minute wächst die Gewissheit, dass die Rakes Großes vorhaben. „Gestern in Belgien war der Club voll, obwohl man von uns außerhalb Englands noch nichts gehört haben dürfte. Das zeigt, dass man auch ohne große Werbung Menschen mit seiner Musik erreichen kann!“ läßt es Matthew verlauten man kann spüren, dass die vier Musiker noch mit großen, staunenden Augen durch die Musikwelt stolpern. Von Abgebrühtheit keine Spur. „Wir sind mit Bloc Party auf Tour gewesen. Das war ein merkwürdiges Gefühl, da plötzlich vor so vielen Menschen zu spielen. Vor allem Japan hat uns wirklich die Schuhe ausgezogen.“

Das Album „Capture/Release” steht kurz vor seiner Veröffentlichung und die britische Presse, allen voran der NME, überschlägt sich selbstverständlich wieder vor Lobdudelei. „Der NME war bisher sehr gut zu uns und hat uns geholfen. Aber das falscheste, was man als Band machen kann, ist, sich nur darauf zu verlassen. Ein Hype ist schön und gut, aber er hat nichts in sich. Er ist wie ein Luftballon!“ Ob die vier Musiker das allerdings schon verinnerlicht haben, ist anzuzweifeln. Schließlich gibt es nichts verlockenderes, als auf den kurzweiligen Ruhm hereinzufallen. Sänger Alan Donohoe zum Beispiel sieht jetzt schon mitgenommen aus vom Touralltag. Mitgenommen vor allem durch die bestimmt unzähligen Gelage vor und nach einer Show. So muss er schließlich sein, der Rock’n Roll. Er muss kotzend im Rinnstein liegen.

Produziert hat das Debüt der Rakes Paul Epworth, der zur Zeit angesagteste Produzent auf der Insel. Unter seinen Fittichen zeigten Bands wie Bloc Party, Futureheads oder Maximo Park Großes. Matthew erklärt: „Wir wollten unbedingt mit Paul zusammenarbeiten. Nicht unbedingt, weil er der Produzent der Stunde ist, sondern weil er damals schon die Strasbourg Single aufgenommen hat. Wir wollten das Album genauso mit ihm aufnehmen wie er mit uns. Es war sicher keine Entscheidung, damit wir ganz oben in die Charts einsteigen. Er ist ein Produzent, der seine eigene Sicht der Dinge hat. Einer, der sich nicht einfach nur zurücklehnt und die Band machen läßt. Deswegen haben wir uns für ihn entschieden.“ Und Lasse fügt nach längerem Schweigen lachend hinzu: „Er hat das ganze Album eingespielt. Wir haben nur dagesessen und Däumchen gedreht!“

Halten wir fest: die Rakes spielen geradlinigen Punk-New-Wave, sie sind jung, ungestüm und kommen aus London (eigentlich wohnen sie da nur. Bis auf Alan kommen alle übrigen Mitglieder aus englischen Kleinstädten, Lasse sogar aus Dänemark). Alles Faktoren, die zur Zeit den sicheren Erfolg bedeuten könnten. „In London ist es sehr leicht, die richtigen, wichtigen Kontakte herzustellen, die nötig sind, um einen Plattenvertrag zu bekommen. Wichtig ist uns immer gewesen, auch als wir die Rakes gegründet haben, dass wir nicht Teil einer coolen Szene sind oder sein wollen. Von außen sieht London aus wie ein Rock’n Roll Mekka. Aber es ist keineswegs so, dass alle ständig einen Sonntagstee in Pete Dohertys Haus trinken.“

Und trotzdem. Irgendetwas muss diese Stadt an sich haben, dass sie im Moment musikalisch wie eine Legebatterie ständig neue, mitreißende Musik ausspuckt. „London war letztlich das, was die Rakes als Band ausgelöst hat. In dem Song „Retreat“ gibt es eine Referenz an einen bestimmten Ort, der „Golden Lane“ genannt wird. Der Witz an dieser Strasse ist: sie ist absolut schäbig. Da gibt es nichts goldenes. Diese bittere Ironie ist aber nichts Londonspezifisches, das kann in den meisten Großstädten der Welt sein.“, antwortet Matthew auf die Frage. Und Lasse fügt hinzu, nicht ohne die englische Überheblichkeit, die der Exil-Däne schon gut verinnerlicht hat: „Jetzt ist eben wieder britische Musik am Zug. Die letzten Jahre waren fest in amerikanischer Hand und irgendwie scheint England wieder auf die Füße zu kommen!“

Die Rakes helfen, diesen Trend weiter aufrecht zu erhalten. Das wird zwar genauso viele Menschen abstoßen wie anziehen. Aber niemand hat gesagt, die Wiedergeburt des Rock’n Roll wäre nicht provokativ. Und weil die Engländer um keinen Größenwahn verlegen sind, gibt Matthew am Ende doch noch ein Statement, das sich wie eine Blaupause für englische Überheblichkeit liest: „Man hat neulich zu mir gesagt: „Urlaub? Zwei Tage Urlaub? Wie willst du da Amerika erobern?“ Da habe ich geantwortet: „Sorry, aber die Amerikaner können warten. Ich will an einen See, relaxen, eine Pfeife rauchen und ein gutes Buch lesen!“

Interview + Text: Robert Heldner


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