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The Bravery Interview

Von Mut und Masterplänen

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Die beiden Hauptstädte des Rock’n Roll waren, sind und werden es immer sein: Geburtsstädten von Hypes und Bands, die gern einer sein wollen. New York und London sind zwei Metropolen, in denen hype-geeignete Luft durch die unzähligen Proberäume zu wabern scheint. Städte, in denen eine einfache Rückkopplung zum Urschrei einer neuen Musikrevolution werden kann. Pathetisch gesprochen.

Die Realität sieht anders aus. Allen Hypes der letzten Jahre, allen vermeindlichen Rettern des Rock’n Roll, liegt etwas verbindendes Zugrunde: ihre Fähigkeit, gut zu kopieren. Und aus vergessenen (und verdrängten) Musikstilen wieder das heraus zu schälen, was ihren Ursprung einst ausgemacht hat. Dass dabei viele Bands überschätzt werden, wird wahrscheinlich erst die Zukunft zeigen, wenn eben jene Künstler an ihrem zweiten oder dritten Album scheitern, die heute als wegweisende Retter der Rockmusik angesehen werden.

Dass The Bravery sich um die Zukunft einen Dreck scheren wird schnell klar, wenn man sich ihren Tourplan ansieht. Quer über alle Kontinente. Durch Länder, in denen ihr Album noch nicht einmal veröffentlicht wurde. Jeder Tag ist randvoll mit Interviews, Promotionterminen und Auftritten, oft in den kleinsten Clubs. Zuhause, in New York, sind sie längst die Größten. Man tourt jetzt, in der Gegenwart. In die Zukunft hat man nur zu Zeiten gesehen, als The Bravery noch im Proberaum saßen und ihren Masterplan entwarfen. Dieser Plan, allerdings, ist aufgegangen. Im Frühjahr war man auf zwei großen Titelblättern der englischen Musikpresse, das Album „The Bravery“ ist in England und Amerika längst an der Spitze der Charts.

„Auf dem Cover des NME zu sein bedeutet uns gerademal, die Spanweite an Menschen, die wir erreichen können, zu vergrößern.“, gib Michael Zakarin, Gitarrist der Band, hat am Telephon vollmundig zu bekennen. Ganz glauben kann man es ihm nicht: zu einflußreich ist der NME, als dass man ein Titelbild einfach so zu den Akten legen könne. Für The Bravery muss es die Erfüllung der ersten Etappe in ihrem Masterplan gewesen sein. „Natürlich ist der NME einflußreich und hat eine große Auflagenzahl. Aber wir haben uns auch nie angebiedert. Wir machen keine Musik für den NME, ein bestimmtes Land oder ausgewählte Menschen. Unsere Musik ist für jeden da!“

Dass ihre Musik für jeden da ist, das beweise sie auf Tour. „Wir sind jetzt seit sechs Monaten auf Tour und klar, etwas erschöpft sind wir schon. Dabei liegt das Interessanteste, nämlich der Sommer, noch vor uns. Australien, Japan, all diese Länder. Aber wirklich anstrengend ist immer nur die Reise an sich. Wenn man ersteinmal vor dem Club steht dann freut man sich auch auf die Show.“ In Deutschland war man dabei ausgiebig. Das Molotow in Hamburg hat man dabei sogar zweimal besucht. „Wir touren so viel aus zwei Gründen. Erstens: es macht rießigen Spaß. Und Zweitens: Wir wären mehr als unkreativ würden wir nur auf unserem Arsch sitzen und nichts tun. Wir wollen touren, wir nehmen sogar auf Tour neue Stücke auf. Vielleicht geht das irgendwann nochmal richtig in die Hose, aber im Moment ist touren das beste, was The Bravery machen können!“

Angefangen hat alles 2003, als Sam Endicott, der androgyne Frontmann und Sänger der Band, sein Kunststudium in Vassar, nördlich von New York, abschloß und in die nahe Metropole zog. Zusammen mit seinem Mitstudenten John Conway, der später hinter dem Keyboard stehen wird, nehmen sie für 7.000 Dollar ein Album auf. Später stoßen Anthony Burulcich (Drums), Michael Zakarin (Gitarre) und Mike Hinder dazu. Mike hat zu diesem Zeitpunkt nicht einmal einen Bass in der Hand gehabt. Das Selbstbewußtsein liegt der Band im Blut und im Bandnamen.

Den entscheidenden Auftritt hat The Bravery im Frühjahr 2004, als sie im Arlene's Grocery, mitten in New York spielen. Anwesend: unzählige Vertreter der Musikindustrie. Wenige Zeit später hat man bei Island/Universal unterschrieben.

Darauf angesprochen, räuspert sich Michael und schließt die Tür. Ein wenig vorsichtig ist er schon. „Wir hatten das Glück, zwischen vielen Labels wählen zu können, bevor unser Debüt veröffentlicht werden sollte.“, antwortet er diplomatisch und fährt fort: „Um ehrlich zu sein: eigentlich ist der Umgang mit Plattenfirmen ganz einfach. Wir haben ihnen unsere bereits fertig produzierte Musik gegeben, unser Artwork, unsere Ideen für Videos, und wir haben gesagt: „So und nicht anders wollen wir das machen. Seit ihr dabei?“ Wir haben eine Vision davon, wohin es mit der Band gehen soll.“ Weniger diplomatisch fährt er fort: „Aber es wird natürlich von Monat zu Monat schwieriger, das alles unter Kontrolle zu behalten...“

Jetzt, da man eine Firma hinter sich hat, versuchen The Bravery ihrem Namen gerecht zu werden. Wer das Video zur neuen Single „Fearless“ gesehen hat, weiß wovon die Rede ist. Alle Bandmitglieder ließen sich, samt Instrumente, auf Speedboote schnallen und rasten so mit atemberaubender Geschwindigkeit durch das Wasser. „Eigentlich war das keine große Sache. Wir sind keine Band, die Musikvideos machen will, wo man nur die Band performen sieht. Das ist langweilig. Es soll etwas besonderes sein. Alles, bloß nicht Mittelmaß! Und mal ehrlich: was kann es schöneres geben, als Geld von einer Plattenfirma zu bekommen, um damit zu machen was man will. Wenn sie uns Geld geben, sagen wir: „Fuck it, dann nehmen wir halt Speed-Boote!“ Die Plattenfirma hatte nix dagegen. Ganz im Gegenteil, sie haben die Idee geliebt. Warum auch nicht, es ist wesentlich kreativer als die meisten anderen Musikvideos, die zur Zeit im Fernsehen laufen. Unsere ursprüngliche Idee für das Fearless Video war es, uns alle vor Autos zu schnallen und damit durch die Gegend zu fahren. Aber das wollten sie dann doch nicht!“

Einen winzigen Wink gibt Michael am Ende des Telephon-Interviews dann doch noch bezüglich der Zukunft von The Bravery: „Wir arbeiten bereits am nächsten Album. Wir werden so lange weiter touren, bis wir genug neue Songs geschrieben haben. Wenn die Tour zuende ist gehen wir ins Studio, ganz klar. Denn genauso läuft das bei The Bravery: wenn wir jetzt aufhören würden zu touren, käme kein neues Album zustande.“

The Bravery zeigen also doch etwas Vorraussicht. Ob sie das von ihren anderen Hype-Mitstreitern absetzen wird, muss die Zukunft zeigen. Im Moment ist einfach alles zu verlockend...

Interview + Text: Robert Heldner


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