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Interview mit 13 + God


Von Kolchosen und HipHop

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Die Existenz von sogenannten Nebenprojekten ist ein Phänomen: sie werden selbst dann immer noch als solche bezeichnet, wenn das Projekt schon lange in Fleisch und Blut und Alltag des Künstlers übergegangen ist. Diese Form der Deklassierung hat einen einfachen Grund: der Künstler wolle damit doch sowieso nur sein Ego beliebig spalten (und bestenfalls in bare Münze verwandeln)! Ein Denkfehler, der schon so einigen Musikern das Leben schwer gemacht hat und auch weiterhin schwer machen wird. Und eine Schlinge, aus der man sich nur mühselig wieder befreien kann. Wie das geschehen kann, das zeigt die Weilheimer Kolchose um die Band Notwist: man macht einfach so viele Projekte, bis man Haupt- von Nebenband gar nicht mehr unterscheiden kann. Die Übergänge werden fließend. Und der Zuhörer kann sich so einigermaßen von seinem Vorurteil lösen.

Aber natürlich ist da immer noch The Notwist, der Kern, um den scheinbar alle Projekte kreisen. Die Band ist vor allem deshalb der Kern, weil sie musikalisch inzwischen so gereift, so groß und erfolgreich ist, dass alle anderen Bands, von Lali Puna bis MS John Soda, weder vom kreativen Output her noch von Verkaufszahlen, diesem elektronischen Mutterschiff das Wasser reichen können. Und jetzt? Jetzt ist ein neues Teilchen hinzugekommen, das um den Kern kreisen wird: 13 + God

13 + God ist eine Symbiose von zwei Musikkollektiven, wie sie selten entsteht: Auf der einen Seite steht das amerikanische Hip-Hop-Avantgarde-Elektro-Label „Anticon“, auf der anderen Seite die Clique um die Acher Brüder und ihrem „Alientransistor“-Label. Eine Verbindung von Hip-Hop und Eletronik ist mit dieser Band entstanden, die nicht nur interessant, sondern auch wegweisend werden könnte. Denn hier wurde ein Feld beackert, das zuvor höchstens noch von ein paar billigen Kooperationen geprägt war. Nie aber von einem wirklichen Versuch, diese beiden Elemente zu verschmelzen. Und da zeigt sich auch wieder, wie sehr die falsche Definition „Nebenprojekt“ den Künstlern und dem Projekt selbst unrecht tun kann: das kreative Schaffen dieser beiden Künstlerkollektive ist einmalig. In diesem Schaffen steckt Herzblut.

„Es würde sich keiner herausnehmen zu sagen: „Das ist jetzt ne Band und das ist ein Nebenprojekt.“ Da ist jede für sich eigen und wertvoll. Viele sehen Notwist als die eigentliche Band an und alles andere als Nebenprojekte. Aber Lali Puna zum Beispiel hat einen ganz eigenen Charakter und eine ganz eigene Dynamik und ist genauso viel auf Tour wie The Notwist!“

Das sagt Martin Gretschmann, gemeinhin bekannt als „Console“. Und er wird dem Bild des verrückten Soundtüftlers auch beim Interview gerecht: während der ganzen Zeit hält er sein Notebook krampfhaft umklammert. Fast so, als biete es Schutz. Dagegen wirkt Adam Drucker wie ein explodierendes Sonnensystem. In diesem kleinen Mann steckt so viel Energie, dass man förmlich erschlagen wird. Das zeigt sich auch auf der Bühne: die Wortkaskaden werden an manchen Stellen so schnell herausgeschleudert, dass ein einfaches Schulenglisch nicht mehr ausreicht, um alles aufzunehmen.

Kennengelernt hat man sich bei einer gemeinsamen Tour durch Kanada. Während man aufgrund eines Motorschadens am Nightliner mitten im kanadischen Nirgendwo steckenblieb und drei Tage auf engstem Raum verbringen musste, begann das Unternehmen 13 + God langsam zu wachsen. Man kam sich menschlich als auch musikalisch nahe. So nahe, dass man sich danach Liedfetzen über den Atlantik schickte. „Es hat über ein Jahr gedauert bis wir uns das erste Mal getroffen haben. Und dann haben wir gleich die Platte aufgenommen.“, sagt Martin Gretschmann. „Für mich waren das anfangs zwei Welten, die auf den ersten Blick so ein bisschen schwer zusammen gehen und darin liegt natürlich ein gewisser Reiz. Dass man es dann eben doch macht und sich nicht vom ersten Gedanken täuschen läßt. In jeder Musikrichtung gibt es total gute Sachen und unglaublich viel Scheiss. Es geht eher darum in jeder Musikrichtung die Seele zu finden und es nicht zu benutzten, weil Hip Hop gerade In ist und ich ihn mir deshalb ins Boot hole. Gerade das versuchen wir nicht, weil das der Musik keinen Respekt zollt!“

Das sieht Adam ähnlich. „Ich glaube wir haben uns deshalb so gut verstanden und waren deshalb so kreativ, weil wir den gleichen Lebensstil und Musikgeschmack haben. Beide Bands folgen ihren Ohren! Als ich das erste mal The Notwist hörte, war ich vollkommen gebannt. Ich hörte, dass sie genau das tun, was sie wollen. Das ist bei uns genauso. Das ist auch mit ein Grund, warum wir so gute Freunde geworden sind. Du kannst mit Freunden auf Tour gehen und sehr schnell feststellen, dass du sie eigentlich hasst. Das war bei den Themselves und Notwist nicht der Fall. Unsere Freundschaft wächst mehr und mehr. Soetwas kann man sich nicht kaufen!“

Wie kam es zu der Neugründung des Acher-eigenen Labels „Alien Transistor“?
Martin: Das war eine total zwangsläufige Entwicklung, dass Markus mal ein eigenes Label macht. Es hat eben den Vorteil, seine eigenen Sachen rausbringen zu können ohne mit irgendjemandem diskutieren zu müssen ob sich das jetzt verkauft oder nicht. Einfach mehr Unabhängigkeit. Man hält halt alles irgendwie selbst in der Hand.

Ruht denn die Arbeit während eurer Tour oder läuft da Einiges nebenher?
Martin: Teils, teils. Es muss ja. Wenn man auf Tour ist, dann kann man eben nicht großartig im Studio sein. Aber es gibt natürlich gewisse Sachen, die halbwegs parallel laufen können. Ms John Soda sind an einer neuen Platte dran, wir machen also nicht unbedingt Pause, so im Metallica Stil. Es versucht eben jeder irgendwie weiterzumachen, Gesangsaufnahmen zum Beispiel. Das wir jetzt aber parallel im Tourbus sitzen und Notwist-Aufnahmen machen geht nicht. Da brauch man schon ein bisschen mehr Kapazität.

Adam, wird die 13+God Kollaboration eine einmalige Sache bleiben...?
Adam: Beide Bands haben das Gefühl, einfach Musik zusammen machen zu müssen. Und kaum hatten wir die Arbeiten an dem Album abgeschlossen, war uns klar, dass das nur der Anfang ist. Es war nicht so: „Yeah, das war cool, lasst uns jetzt das Geld teilen und verschwinden!“ Wir haben richtiggehend geheult. 13+God werden für immer bestehen. Und ja, wir planen bereits während unserer US-Tour neue Aufnahmen zu machen.

Letzte Frage an dich, Martin: Wann könne wir uns denn mal wieder auf ein Notwist Album freuen?
Martin: Das ist glaube ich die meistgestellte Frage. Also wir fangen demnächst wieder an, aber jetzt sind wir erstmal auf Tour. Es sollte eigentlich schon vor einem Jahr losgehen, aber es hat sich alles immer wieder nach hinten verschoben, auch wegen den vielen anderen Bands, was glaube ich auch ein Zeichen dafür ist, wie viel Spaß uns das alles macht....

Interview: Robert + Philip
Text: Robert


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