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Moneybrother Interview

... kein niedlicher Tanzbär

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Anders Wendin ist nicht der niedliche Grundsympath, zu dem er von Magazinen und Fans gern gemacht wird. Und zu dem er sich auch auf der Bühne macht. Zumindest heute ist er es nicht. Wortkarg und verschlossen, ein wenig erkältet und müde, so präsentiert Moneybrother sich und irgendwie wundert das wenig. Der Gute muss in den letzten Wochen dutzende Interviews gegeben haben. „Im Gegensatz zu Schweden geht es in Deutschland ja gerade erst richtig los!“, antwortet er heiser und setzt sich. Hier jedenfalls, im zugemüllten Backstage-Raum des Erlanger E-Werk’s, wirkt er fast ein wenig unscheinbar, gemessen an seinen Erfolgen in Schweden. Also eher der Anders Wendin als seine Kunstfigur Moneybrother. Kein offenes Hemd, keine dramatischen Handbewegungen zu emotionaler Musik. Eher ein entnervtes Schulterzucken bei der Frage, ob man Fotos machen dürfe.

Verständlich, wenn der Herr im Stress ist: In Schweden schoss sein zweites Album „To die alone“ augenblicklich in den Charts nach ganz oben. Auf Platz eins. Die Mischung aus Soul und Rock’n Roll scheint also gefragt zu sein. Moneybrother ist einer der wenigen, die diese Stilrichtung im Moment so gekonnt in Szene setzen. Was ihn allerdings etwas wundert: „Wenn du dir Moneybrother anhörst entdeckst du nichts komplett neues. Das gab es alles schon einmal. Aber im Moment bin ich in meinem Land der einzige, der diese Form der Musik macht. Das macht mich aber nicht einsam, im Gegenteil. Ich finde es eher interessant.“

Im Gegensatz zu den Hives und unzähligen weiteren Bands aus dem Land der Blondschöpfe hat sich der Ex-Punk eine Musiksparte ausgesucht, die wohl am ehesten zu seinem Wesen passt: Seelen-Musik. So treffsicher und geradeaus, wie es mit Streichern und Bläsern als Bandunterstützung nur geht. Eine Ladung Schrot ins Herz derjenigen, die gern aufwühlende, romantische Musik mögen. Keine wirkliche Jungs-Mucke. Woher, kommt das Bedürfnis, fast ständig über verflossene Geliebte Songs zu schreiben? „ Wenn man sich trennt, dann gibt es so viele Dinge, über die man Songs schreiben kann. Es ist keineswegs so, dass jedes Lied eine andere Frau beschreibt!“ Und gerade diese Universalität scheint das derzeitige Erfolgsrezept des nicht mehr ganz so jungen Schweden zu sein.

Ein Erfolgsrezept, dass sich aber nicht von ganz allein entwickeln kann. Das Touren ist unabdingbar und auch das eigentlich faszinierende für Anders and der Musik. „Es gibt eigentlich nichts besseres.“, sagt er. „Und im Grunde ist es gar nicht so anstrengend, wie viele Musiker immer behaupten. Man läuft den ganzen Tag nur herum und macht nichts. Außer der knappen Stunde am Abend, die man auf der Bühne steht.“ Und der unzähligen Interview- und Fototermine, nicht zu vergessen. Nimmt er sich da Zeit, neue Songs zu schreiben? „Ich schreibe keine Songs auf Tour. Dazu braucht man Ruhe. Ich trage vielleicht ein paar Ideen mit mir herum, aber nichts spezielles.“, antwortet er mir und schaut sich seine Fingernägel genauer an. „Die Eindrücke, die ich auf Tour sammle, muss ich nicht sofort aufschreiben. Die trage ich mit mir herum. Wenn ich dann zu Hause bin, werde ich ruhelos. In diesen Momenten schreibe ich die Songs.“

Jetzt, wo das zweite Album veröffentlicht ist und die Reaktionen so positiv ausgefallen sind, scheint auch der Druck endlich abgefallen zu sein. „Das stimmt. Was meine Musik angeht verspüre ich keinen Druck. Allerdings arbeiten so viele Menschen mit an Moneybrother, dass ich mich ihnen gegenüber verantwortlich fühle. Ich will, dass sie ein schönes Leben haben, dass sie Geld verdienen. Und das können sie zumindest mit mir nur, wenn ich erfolgreiche Alben veröffentliche!“ Angst um ihren Arbeitsplatz müssen sich die Moneybrother-Gehilfen so schnell jedenfalls nicht machen: Die Kunstfigur wird ihrem Namen gerecht.

Und damit sein selbstgewähltes Pseudonym und seine Musik weiterhin funktionieren können, hat sich Anders Wendin eine Herangehensweise zugelegt, die zumindest an diesem Tag nicht überraschen kann: Er ist ein Autokrat. „Bei Moneybrother wird nicht gejammt!“, antwortet er schroff und gibt ein ums andere mal zu bedenken: „Moneybrother bin ich. Ich entscheide alles. Ich bin nicht so freundlich, wie die Leute glauben. Sobald es um die Musik geht, bin ich der Boss.“ Dass das legitim ist, braucht nicht weiter Erwähnung finden. Ob sich damit allerding das Projekt Moneybrother ewig aufrechterhalten läßt, ist zu bezweifeln. Denn beim Anschließenden Konzert wirken, abgesehen von Anders himself, sämtliche Mitmusiker wie Silhouetten. Uninspiriert und auch ein wenig gelangweilt. Aber solange der Schwede so sympathisch die Massen in den Bann ziehen kann, ist alles andere darum sowieso nicht von Bedeutung.

Interview + Text: Robert Heldner


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