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Interview Anti-Flag

"If I can´t dance I don´t want to be a party revolutionary"

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ANTI-FLAG - The Terror State

Über ANTI-FLAG braucht man heute nicht mehr allzu viele Worte verlieren: Sie haben den Punk wieder dahin geführt, wo er einstmals herkam: Politik, Anti-Establishment und Mittelfinger in die Luft - und das Ganze ohne fatalistisches Gejammere oder dumber Hau-Drauf-Mentalität.

Campino von den Toten Hosen rühmte sich unlängst im SPIEGEL-Interview damit, die vier Jungs als Vorband in ihrem Programm zu haben - darüber darf jetzt jeder urteilen, wie er mag. Im Moment tourt sich die derzeit wichtigste Politpunk-Band den Hintern ab und hat für den Herbst schon wieder das Studio gebucht.  

Beim schmucken Helfenstein-Festival in Geislingen hatte ich nun endlich die Möglichkeit, meine persönliche Lieblingsband zu interviewen. Drummer Pat stand mir über eine halbe Stunde Rede und Antwort und so wurde wieder einmal deutlich, dass die Punk-Generation von heute endlich wieder eine Berechtigung, weil echte Message hat. 

Leider kam die Info über einen gewissen Deal der Vier aus Pittsburgh mit einem Major-Label zu spät an meine Ohren, sonst hätten wir da natürlich auch nachgehakt. Das hebe ich mir dann für das nächste Mal auf...


Heutzutage ist es ja nicht mehr unbedingt normal, dass sich junge Leute mit Politik und allem was dahinter steht beschäftigen. Woher kam dein Interesse an diesem Thema?

Pat Thetic: Ich bin in einer politisch geprägten Familie aufgewachsen, wir haben immer über Politik gesprochen. Allerdings war meine Familie eher konservativ orientiert, und so gab es immer Diskussion über Politik, das Weltgeschehen und was sonst noch passierte. Dazu kamen dann zwangsläufig auch noch ideologische Diskussionen.

Wie informiert ihr euch über das Weltgeschehen, ich nehme mal nicht an, dass ihr CNN oder NBC schaut, um über Amerikas Politik aufgeklärt zu werden...

Pat: Also eigentlich schauen wir sehr viel CNN - wie tragisch (lacht). Ich schau manchmal sogar FOX News, was extrem schmerzhaft sein kann - aber manchmal muss man sich es einfach mal geben, wie übel das Ganze wirklich ist. Den Großteil meiner Informationen bekomme ich aber ganz einfach dadurch, dass ich mit möglichst vielen Leuten spreche. Wir sind natürlich in der glücklichen Situation, dass wir extrem viel herumkommen und viele Leute treffen, die besonders viel über bestimmte Themen wissen. Wenn man mal irgendwo eine Wissenslücke hat, kann man diese Leute dann eben fragen, das ist wohl das einfachste für uns.

Bei sovielen Informationen stellt sich natürlich die Frage, was euch dann mehr Zeit kostet: Den Song zu schreiben oder die Lyrics - mal ganz abgesehen von den vielen Liner-Notes, die ihr noch in eurem Booklet zu bestimmten Themen gebt...

Pat: Das stimmt, aber eigentlich braucht beides seine Zeit. Ok, manchmal geht es auch schneller, wenn wir z.B. über ein Thema schreiben, über das wir sehr viel wissen und wo wir wirklich gleich wissen, wie wir was rüberbringen wollen. Oftmals ist es aber auch so, dass die Basis des Songs relativ schnell steht, der Feinschliff und die Details dann aber nochmal ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Meistens ist es auch so, dass wir zuerst die Lyrics zusammenhaben und der Song erst später dazukommt, meistens wenn man am wenigstens darüber nachdenkt. Wie bei den meisten Sachen...

Wenn man sich die politische Szene von heute ansieht, fällt auf, dass es keine echten politischen Leader gibt, wie es früher einmal Martin Luther King oder Malcolm X waren... Reicht es heutzutage, dass Michael Moore einen Film dreht oder Leute Bücher schreiben wie z.B. Noam Chumsky? Kann man so Menschen ausreichend motivieren und mitreißen?

P
at: Ja, das ist wenigstens etwas, aber natürlich nicht genug. Heute muss man froh sein, dass überhaupt irgendwas passiert. Man braucht aber zumindest einen Ausgangspunkt, du brauchst jemanden der z.B. einen Song schreibt: Von dort aus kann es weiter gehen, es inspiriert Leute, sich weiter zu informieren oder selber Verantwortung zu übernehmen. Unsere Musik kann dann eine Art Selbstläufer werden, über dessen Folgen wir vorher nicht nachgedacht haben - nur so kann es weiter gehen. Leute wie Michael Moore, Noam Chumsky, Fat Mike oder Jello Biafra geben den Leuten eine Plattform, von der aus sie sich weiterentwickeln können - so hoffen wir jedenfalls...

Ist das dann vielleicht auch eure Vorstellung eines "Underground Network", das Internet hat ja schon längst seinen Nutzen verloren...

P
at: Genau, das "Underground Network" ist genau jetzt, genau hier. Schau dich um: Es sind all die Leute hier, die nicht Mainstream sind, die verschiedenste Vorstellungen von der Welt haben und hier einfach herausfinden wollen, wie man richtige Informationen am besten weitergeben kann. Das ist genau unsere Vorstellung vom "Underground Network"!

Wie enttäuschend war es dann für euch, als George W. Bush letztes Jahr doch wieder gewählt wurde - war nicht alles umsonst?

P
at: Natürlich waren wir extrem enttäuscht... Aber nicht nur wegen der Arbeit, die wir uns gemacht haben und all die Energie, die andere reingesteckt haben, z.B. mit der "Rock Against Bush"-Tour oder der Warped-Tour. Am Wahltag bin ich mit meinem Kumpel morgens um Sechs aufgestanden, haben an den Türen geklopft und die Leute gebeten, zur Wahl zu gehen. Am Wahlabend sind Justin und ich zu den Polling-Station am hiesigen College gegangen, weil wir mitbekommen haben, dass dort nicht genügend Wahlmaschinen zur Verfügung standen, damit alle Studenten auch ihre Stimme abgeben konnten. Wir hatten einfach die Befürchtung, dass viele Studenten nicht länger warten wollte und heimgehen ohne gewählt zu haben. Deshalb haben wir viel mit den Leuten gesprochen, um einfach sicher zu gehen, dass sie dort bleiben und dann auch wählen gehen. Und nach der ganzen Arbeit dann heimzukommen und zu hören, dass dieser Arsch weiter an der Macht bleibt, war natürlich dann extrem enttäuschend... Aber was willst du machen, aufgeben oder weiter machen. Wir hätten in jedem Fall weiter gekämpft, egal ob Kerry oder Bush gewonnen hätte.

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Pat Thetic von Anti-Flag im Interview

Warum glaubt ihr aber, dass über 50 % eben doch George W. Bush gewählt haben. Man könnte ja das auch so auslegen, dass nicht das System an dem ganzen Elend Schuld ist, sondern die Gesellschaft - immerhin haben sie ihn ja gewählt. Steckt in diesem Fall das Problem dann nicht viel tiefer als man glaubt?

Pat: Ja, das ist genau das Problem, das unserer Gesellschaft schon seit Jahren hat: Angst bewegt die Leute. So war es natürlich für Bush ein leichtes, die Leute zu verängstigen, indem er den Terrorismus verteufelte und die Tatsachen verdrehte. Und das ist ein System, das schon öfters in der Geschichte zum Erfolg geführt hatte. Ob das nun im 2. Weltkrieg war oder unter Stalin: Erfinde einen Feind, verängstige die Leute und sie werden dir blind folgen. Und genau das war, was Bush gemacht hat - natürlich ist das tragisch und extrem schmerzhaft für uns, dass er es geschafft hat, die Gesellschaft so zu beeinflussen.

Was ist also euer Ziel: Eine Revolution ist heutzutage undenkbar, da sind andere Mittel gefragt...

Pat: Über die Jahre sind auch wir zu der Überzeugung gekommen, dass eine Revolution nur noch mehr Gewalt verursachen würde.

Deswegen ist es wichtig, den Leuten klarzumachen, dass es bessere Möglichkeiten gibt, als etwas mit Gewalt zu erreichen versuchen. Das fängt mit freien Gedanken an oder sich selber eine Meinung über etwas bilden - dieser Prozess wird sicherlich nicht in ein oder zwei Tagen zu schaffen sein. Wichtig ist aber, dass die Menschen sich weiterbilden, an sich glauben und so mehr erreichen als wir uns überhaupt vorstellen können.

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Helfenstein-Festival 2005, Geislingen

Aber glaubst du, dass die Punk-Szene von heute noch stark und groß genug ist, um solche Ideale noch zu vermitteln?

Pat: Wir haben vorher über politische Leader wie Malcolm X oder Martin Luther King gesprochen und - ja, ich glaube wirklich, dass solche Persönlichkeiten auch wieder aus der Punk-Gemeinde entstehen könnten. Ob und wann das sein wird weiß ich nicht, ich hoffe einfach, dass wir bald einen Führer eines solchen Schlages haben, der die Unterschichten vereint und so echte Veränderungen erzielt werden können.

Habt ihr dann ein Problem damit, wenn Leute zu eurer Show kommen, einfach nur Spaß haben wollen, sich nicht mit politischen Themen beschäftigen wollen und nur auf die Musik stehen? Ganz ohne politische Motivation...

Pat: Nein, es ist nicht mein Job Schiedsrichter zu spielen, dass alle das glauben woran wir glauben. Oder um es wie Emma Goldman (russ.-amerik. Anarchistin (1869 - 1940), Anm. d. Verf.) zu sagen: "If I can´t dance I don´t want to be a party revolutionary" ... Für uns ist Spaß genauso wichtig bei unserer Arbeit, denn wenn alles nur ernst und langweilig wäre, würde sich erst recht keiner dafür interessieren oder gar motiviert fühlen.

Wenn man sich im Internet umschaut, findet man viele komische Sachen. Aber conservativepunks.com ist schon allein der größte Widerspruch in sich selbst. Kennst du die Seite und weißt du, was es damit auf sich hat?

Pat: "Widerspruch in sich selbst", das ist gut, das merk´ ich mir... Der rechte Flügel hat einfach Angst bekommen von der ganzen Arbeit die von uns und anderen gemacht wurde: "Rock Against Bush" und so weiter... Da haben die sich natürlich gedacht, dass sie eine geeignete Antwort darauf brauchen, so entstand das Ganze. Und die einzigen, die da richtig mitgemacht haben, waren die Medien: Wenn sie also mit uns gesprochen haben, was wir in Bewegung gesetzt haben, hatten sie das Bedürfnis, einen anderen Teil der Story zu erzählen. Die Seite conservativepunks.com hat praktisch gar nichts gemacht! Das war lediglich eine Website, eine Hülle und nichts dahinter. Es ist schon komisch, sobald es eine "Left Wing"-Bewegung gibt, ist man in den konservativen Medien sofort bemüht, einen rechten Gegenpart oder eine Opposition zu präsentieren. Als es dann zum Krieg im Irak kam, ist natürlich keiner dieser Journalisten mehr zu uns gekommen und hat nach unserer Meinung gefragt... Da ging es nur noch darum, möglichst schnell möglichst viele Bomben zu werfen. Das ist schon eine komische Entwicklung gewesen, und war auchfür uns vollkommen neu...

Das war also mehr eine Mediengeschichte - gab es dennoch echte Bands, die diese Bewegung unterstützt haben?

P
at: Bands nicht so sehr... Ich glaube aber mich zu erinnern, dass der eine Typ von den Ramones mit dabei war - "absolutly weird".

Wo wir grad von Bands sprechen: Auf A-F Records, euerem eigenen Label, habt ihr mit Red Lights Flash aus Österreich letztes Jahr eure erste europäische Band gesignt. Welche Qualität muss für euch eine Band haben, damit ihr sie signt - beschränkt sich das allein auf politische Ideale?

P
at: Also in erster Linie musst du nett sein und wir dich mögen (lacht) Nein, wir haben einige Shows mit den Jungs gespielt und Red Lights Flash (RLF) ist einfach eine wahnsinnig gute Band und dazu haben sie noch großartige Ideen. Wir wollten einfach, dass auch andere Menschen die Gelegenheit haben, diese Message zu hören... Das ist eben auch der Vorteil eines eigenen Labels, dass man Leuten helfen kann, ihre Musik und ihre Ideen weiter zu transportieren. Das ist genau das, wo wir vorhin drüber gesprochen haben: RLF haben natürlich wieder ganz andere Ideen als wir sie haben und das ist gut so. Wir wollen, dass all diese verschiedenen Meinungen öffentlich werden und andere Leute motivieren.

Ökonomisch gesehen ist es für uns schwierig, europäische Bands zu signen, allein schon wegen dem Aufwand z.B. der Promotion, das kostet uns ein Haufen Kohle, wenn wir die Jungs beispielsweise für Shows nach Amerika holen. Wenn wir aber genügend Platten verkaufen und wir dabei nicht Bankrott gehen, dann wollen wir natürlich auch noch andere Bands aus Europa signen, keine Frage.

So, das waren meine wichtigsten Fragen, vielen Dank für deine Zeit und die ausführlichen Antworten. Viel Spaß auf der Bühne und hoffentlich sieht man sich bald wieder in good old europe.

Pat: Gerne... Das waren super Fragen, hat mir sehr gut gefallen.

Bastian Streitberger

Fotos (2) (3): Simon Speidel



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