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Lá Par Force Interview

Do It Yourself! ... und kein S.O.S!

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Lá Par Force aus Regensburg

Es gibt sie noch diese Bands. Bands, die sich die Freiheit nehmen, keinen Trends hinterher hecheln zu wollen. Bands, die in erster Linie einfach nur Musik machen: Für sich und alle anderen, die Freude daran haben - egal ob vor 5 oder vor 500 Leuten. Bands, die den Sinn der Musik nicht in Chartplatzierungen, Verkaufszahlen und Airplay auf MTViva messen, sondern in Emotionen, harter Arbeit und deren Erfüllung. So eine Band ist LÀ PAR FORCE. Grundvoraussetzung ist dabei neben der Leidenschaft auch der Wille, sich alles selbst erarbeiten zu wollen und zu können. Wo bei anderen Bands das Management hinterher putzt, schätzen und pflegen Lá Par Force die in der Szene fast schon verloren gegangene DIY-Mentalität. So passt es dann auch, dass die neue Scheibe den weit interpretierbaren Titel "Work Ethic" erhielt. Egal ob es um das Buchen von Konzerten oder das Veröffentlichen ihrer Musik auf ihrem bandeigenen Label 'Dancing In The Dark' geht - seit der Gründung im Jahr 2001 gestallten und kontrollieren Lá Par Force alle Aspekte ihrer Band - und somit ihrer Musik - selbst. Bereits das erste Album "Fallen Leaves" der drei (jetzt vier) Regensburger sorgte berechtigterweise für allerlei Aufhören weit über den bayerischen Raum hinaus und so schieben die Oberbayern jetzt mit "Work Ethics" (siehe Reviews) eine Scheibe mit fünf neuen Songs und einem Live-Mitschnitt nach.
Vor ihrem Auftritt in Esslingen bei sauna-ähnlichen Bedingungen im 'Komma' zusammen mit den sehr unterhaltsamen GERTRUDE (London), hatte ich die Möglichkeit mit Oise Ronsberger (Bass) über ihre Musik, Arbeit und die Probleme zu sprechen, die man ernsthaft haben kann, wenn man eine Sängerin mit hervorragender Stimme hat...

Tatsächlich lautet eine Zeile im Info-Sheet zum letzten Album „Fallen Leaves“: „Mit Christina Hoidn haben Lá Par Force eine Sängerin, die sich nicht dafür schämt singen zu können“. Da fragt man sich natürlich wie weit es in der ach so toleranten Punk/HC-Szene gekommen ist, dass man sich zu solchen Spitzen hinreißen lässt. Ähnlich verärgert reagiert da auch die Band, die es schon lange Leid sind, ständig Phrasen zu hören wie „Ich mag ja eigentlich keinen Frauengesang, aber..“. „Ich habe noch nie gehört,“ erzählt Oise, „dass jemand sagt 'Ich mag keinen Männergesang', aber sobald eine Frau am Mikro steht kommt zu 90% dieser Scheiß-Spruch. Und dann glauben sie noch wir freuen uns, wenn sie uns mitteilen, dass wir aber dafür ganz gut seien...“ Wahrscheinlich muss man sich heutezutage als Sängerin tatsächlich darum bemühen besonders dreckig zu klingen, ja nicht zu perfekt zu sein, um das Image des Genres nicht zu verwässern. So richtig mag man es sich gar nicht vorstellen wollen, dass diese Art des Sexismus in der sich selbst als besonders vorurteilsfrei feiernden Szene herrscht und so fragt man sich wie Oise zu Recht, „was die in den letzten Jahren für Bands gehört haben? Was ist mit so großartigen Künstlern wie TORI AMOS, PRETTY GIRLS MAKE GRAVES, MONOCHROME, PJ HARVEY und wie die alle heißen?!...“.

Da hilft es dann auch nicht, das mit Hilfe der Majors zurzeit auf allen Fernsehsendern die „neue deutsche Welle“ der „Rockbands“ mit Sängerin vor gecasteter Hampelmann-Band propagiert wird: „Die Bands von denen wir hier sprechen funktionieren ja ganz anders als LÀ PAR FORCE...“, stellt Oise klar: „Erstmal singen die immer deutsch. Zweitens machen die auch Musik, die über diese Majorlabelkanäle vermarktbar ist, was bei uns ja absolut nicht der Fall ist. Also bis auf die Tatsache, dass da ebenfalls eine Frau am Mikro steht, sehe ich keinerlei Verbindungen zu Bands wie SILBERMOND oder JULI oder so was...“
Die Grundvoraussetzungen seien vollkommen andere, wenn nicht gar ganze Welten dazwischen: „Wie vorher schon erwähnt, sind wir eine Band die aus dem DIY-Punk kommt - und nicht vier Gymnasiasten, die bei irgendwelchen beschissenen Bandwettbewerben mitmachen und sich von einem Typenberater einkleiden lassen.“ Außerdem sei Christina (Hoidn, Sängerin; Anm. d. Verf.) ja auch ganz anders als diese 'Frontfrauen': „...übrigens eine Tatsache, auf die ich besonders stolz bin“, meint Oise, weil „wir mit Christina jemanden in der Band haben, die für jüngere Frauen ein sehr positives 'Role Model' ist, weil sie einfach nur sie selber ist und weder die üblichen 'Frauen im Rock' bzw. 'Riot Grrrlll' Klischees erfüllt...“

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Lá Par Force - der Bavaria Express

Schon viel mehr freut man sich bei Lá Par Force dafür über den aktuellen Erfolg von 'echten' deutschen Bands wie THE ROBOCOP KRAUS, die ja ebenfalls im Milieu vom Nürnberger Label 'Millipede’ groß wurden und jetzt zum großen Sprung ansetzen. „Nun, THE ROBOCOP KRAUS sind ja mal wieder die absolute Anti-These zu den oben genannten Bands. Denn die sind keine Bandwettbewerbscombo, sondern haben jahrelang in jedem Loch in Europa gespielt.“ Bemerkenswert sei aber, dass THE ROBOCOP KRAUS ja auch nicht auf einen Zug aufgesprungen sind, sondern der allgemeine Massengeschmack sich auf sie zu bewegt hat. Allerdings sieht Oise außer den regionalen Gemeinsamkeiten keinerlei Zusammenhänge mit ihrer Band und er glaube auch nicht, „dass so eine Entwicklung auch gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit auf andere bayerische Bands lenken werde.“

Wenn man Lá Par Force fernab von dieser Thematik dann aber mal allein auf ihre Musik reduziert, stolpert man immer öfters über die Unnotwendigkeit, Bands unbedingt in diverse (Unter-)Kategorien, oder besser Schubladen zu stecken. Im Fall der vier Regensburger ist das wohl 'Post-Punk'. Schon der Begriff beschwört individuelle Assoziationen verschiedenster Art, die aber so wirklich keiner zu greifen vermag und eben auch keine wirkliche Definition hat - wie bei so vielen eilig geschaffenen Nischen in Genres, die sich nach einer Zeit einfach selbst überholt haben.
Oise unterscheidet deshalb zwischen der Szene und ihrer Musik: Durch ihre Do It Yourself-Ethik bewegen sie sich zwar immer noch in dem politisch motivierten DIY-Netzwerk, d.h. sie sehen sich mit Lá Par Force immer noch ganz grob als Teil der Punk/HC-Subkultur, aber "musikalisch verbindet uns mit diesem Genre jetzt nicht mehr zu viel. Wir wollen uns da auch nicht von irgendwelchen ungeschriebenen Gesetzen einschränken lassen, sondern die Art von Musik machen die erstmal uns glücklich macht. Und das ist eben diese Art von melancholischem Indierock wie wir sie spielen." Man sehe sich eher in der Tradition der Bands, die ihre Vergangenheit nicht verleugnet haben, sondern versucht haben alte Ideale und Werte mit in eine neue musikalische Welt zu nehmen.

Großer Vorteil ist dabei sicherlich die Tatsache, dass Lá Par Force mit ihrem bandeigenen Label 'Dancing In The Dark' die Möglichkeit haben, vollkommen unabhängig zu arbeiten. „Tja, die Vorteile liegen auf der Hand.“, stimmt Oise zu, „Sehr kurze direkte Wege, keine Mittelsmänner und vor allem sehr direkte Reaktionen auf alles was du tust. Da ist kein Label das irgendwas abdämpfen oder ausfiltern könnte.“ Nachteile gäbe es natürlich auch, vor allem die verdammt viele Arbeit: „Das fängt bei der Kalkulation an, geht über tausend Gespräche mit dem Presswerk bis hin zum Eintüten der Promo-CD´s.“

Idealerweise bestand 'Dancing In The Dark' nämlich schon vor der Band und so habe es sich angeboten, die Demos nicht wild an irgendwelche Labels zu schicken, sondern dort einfach anzusetzen und alles selbst in die Hand zu nehmen: „Ich finde es großartig in jeden Aspekt der Band involviert zu sein und wirklich jeden Schritt zu kennen. Das gibt dir auch ein gewisses Verständnis wie eine Subkultur oder das 'Musikgeschäft' funktionieren. Das ist zwar oft desillusionierend, aber auch sehr spannend.“

Neben den eigenen Platten veröffentlichen Lá Par Force aber auch noch andere Bands über ihr Label, so zum Beispiel bereits zwei Alben der großartigen Band TAGTRAUM aus Schweinfurt. Demnächst werde man dann die Vinylversion der neuen THE DATA BREAK LP veröffentlichen, während 'Defiance' die CD-Version der Darmstädter machen wird. Organisatorisch hat sich aber auch so einiges Neues ergeben, da Anfang des Jahres Stefan Grunwald (früher Drums, Anm. d. Verf.) sowohl bei DITD als auch bei Là Par Force ausgestiegen ist. Unter diesen Umständen wurde Oise Ronsberger also praktisch zum alleinigen Betreiber des Labels, weshalb er auch „diverse Pläne leider auf Eis legen und das Label auch etwas zurückfahren musste“.
Erfrischend nüchtern bis realistisch beschreibt Ronsberger dann aber auch die Arbeit, die er in die Band und das Label steckt: „Es ist durchaus ein kleines Wunder zwei Jobs, eine Beziehung, eine Band und ein Label unter einen Hut zu bringen. Lass es mich so formulieren: Man trifft mich nicht gerade oft in den Kneipen von Regensburg...

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Oise Ronsberger (Bass), Lá Par Force

Umso besser wenn man bei der ganzen Arbeit, dann noch kompetente (und berühmte) Unterstützung erhält. Beim ersten Album „Fallen Leaves“ haben sich Lá Par Force von Chad Istvan, seines Zeichens Gitarrist bei den famosen BOYSETSFIRE, erfolgreich unter die Arme greifen lassen. „Das Zusammenarbeiten mit Chad war echt super“, erzählt Oise, „er hat ja kein Geld dafür bekommen und war trotzdem extrem ehrgeizig und hat hart an der Platte gearbeitet: Er war immer der Erste der im Studio war und der Letzte der nach Hause ging. Chad hat uns in einer sehr schwierigen Zeit sehr geholfen, wir hätten das ohne ihn nie so hinbekommen.“ Da stellt sich natürlich die Frage, ob bei so einer erfolgreichen Zusammenarbeit nicht noch weitere Projekte geplant seien. Prinzipiell schon, wie Oise meint, der Rest scheint allerdings an Terminproblemen zu scheitern: „Chad und der Boysetsfire-Sänger Nathan haben ja gemeinsam ein Akkustikprojekt namens FROM SILVER TO LED. Wir reden ständig darüber, dass wir eine gemeinsame Akkustik-Tour machen und dann vielleicht die Konzerte jeden Abend mitschneiden wollen, um sie anschließend als Platte zu veröffentlichen.“ So weit, so gut. Problem ist nur, dass „wir gerade auf Tour sind oder Boysetsfire an der neuen Platte arbeiten, oder müssen auf Tour gehen, oder...“ Die Idee bestehe zwar weiterhin, Oise bezweifelt allerdings, ob es bei den Aktivitäten beider Bands jemals klappen werde.

Dass die Zusammenarbeit mit den vermeintlich 'Großen' der Szene nicht immer so rosig und erfolgreich verlaufen muss, belegt eine Erfahrung von Lá Par Force mit der amerikanischen Sängerin AMANDA ROGERS, die ich hier ob der deutlichen (und wahren) Worte von Oise ungekürzt zitieren möchte:

Unser Label in Nürnberg - Millipede Records - nahm damals Kontakt mit AMANDA ROGERS auf, da die Jungs meinten es wäre ein gute Idee eine Split-CD mit ihr zu veröffentlichen. Sie war dann gleich voll begeistert, wir tauschten Ideen aus, telefonierten ein paar Mal. Als wir dann zusammen in München spielten hat sie mir in dieser typischen, pseudofreundlichen 'Ami-Musiker'-Art noch die Ohren vollgelabert wie toll sie die Idee findet, das sie ja so viele Songs zur Auswahl hat usw... Kurz darauf kommt eine einzeilige Email von Amanda´s deutschem Label (!!!), in dem man uns mitteilte das 'Amanda nicht genügend Songs habe, sondern diese für ein Album aufsparen muss' - vergleich´ das jetzt mal mit ihrer Aussage in München... Kein Problem, ich bin jetzt froh das es nicht geklappt hat.
Denn so Leute wie Ms. Rogers kenne ich. Das sind Leute die dieses DIY-Netzwerk so lange benutzen bis sie den Sprung in die 'richtige' Musikwelt geschafft haben. Und mit der Scheiße wollen wir wirklich nichts zu tun haben
.“ Jawoll, das hat gesessen.

Wie weit die DIY-Ethik in der Band verwurzelt ist offenbart sich in ihrer Einstellung zur Musik, die sie als Leidenschaft gleichermaßen aber auch als Arbeit interpretieren: „Ich will jetzt nicht zu pathetisch klingen, aber ich stamme aus einer Arbeiter- und Landwirtsfamilie, in der schon immer alle viel und hart gearbeitet haben", erklärt Oise, "und deshalb ist Arbeit für mich kein negativ behafteter Begriff. Arbeit ist eine Grundfeste im Leben. Es gibt wenig Schöneres als eine erfüllende Aufgabe zu haben, die einen fordert und befriedigt. Die ganze harte Arbeit, die wir in unsere Band und unser Label stecken ist oft sehr anstrengend und auslaugend.“

Lohn genug sei es ihnen schon, wenn Leute kommen und ihnen sagen, dass sie die Band mögen, meint Oise, denn „wenn man nach einer Stunde spielen verschwitzt und erschöpft von der Bühne geht und weiß, dass man es diesmal gut gemacht hat: Das alles zusammen kann man nicht mit Geld aufwiegen.“
Und das scheint ihnen regelrecht ins Blut übergegangen zu sein: Ein unbeteiligter Zuschauer wolle er nie wieder sein - vielmehr noch mache ich ihn das nervös: "Denn ist man erst einmal aus dem Kreis der Konsumenten herausgetreten und hat selber etwas geschaffen und organisiert, kann man einfach nicht mehr damit aufhören."

Dem muss man wohl kaum etwas hinzufügen: Lá Par Force - just do it, but Do It Yourself!

Interview + Text: Bastian Streitberger

Fotos: Vision Of Trust

Lá Par Force hören und live sehen!


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